Wer durch das Nordend geht, läuft durch das vielleicht geschlossenste Gründerzeitviertel Frankfurts. Hinter den vierstöckigen Fassaden mit ihren rotsandsteinernen Sockeln liegt eine Geschichte, die viel älter ist als die Mietshäuser. Sie beginnt bei mittelalterlichen Patrizierhöfen draußen auf der Heide und führt über geschleifte Festungswälle, einen Bankier-Garten und ein zerstörtes jüdisches Gotteshaus bis zum heutigen Wohnviertel mit der höchsten Bevölkerungsdichte der Stadt.
Anders als die Altstadt am Main war das Nordend lange unbebautes Land vor den Toren Frankfurts. Erst als die Stadt im 19. Jahrhundert über ihre alten Mauern hinauswuchs, entstand hier der Stadtteil, den wir kennen. Diese Chronik führt von den Höfen der Holzhausen und Glauburg bis zum dicht besiedelten Nordend von heute.
- Die Anfänge: Patrizierhöfe auf der Heide
- 1478: Die Friedberger Warte und die Frankfurter Landwehr
- 1729: Das Holzhausenschlösschen, ein Wasserschloss vor der Stadt
- Ab 1806: Die Festungswälle fallen, der Anlagenring entsteht
- Um 1850: Der Name Nordend entsteht
- 1877: Eingemeindung Bornheims und der Bauboom der Gründerzeit
- 1892: Der Günthersburgpark wird öffentlich
- 1907: Jüdisches Leben und die Synagoge Friedberger Anlage
- 1938 und 1944: Pogrom, Krieg und Zerstörung
- Ab 1945: Wiederaufbau und neue Kirchen
- Das Nordend heute: Frankfurts dichtestes Viertel
- Quellen
Die Anfänge: Patrizierhöfe auf der Heide
Bevor es ein Nordend gab, gab es hier vor allem Felder, Wiesen und einzelne Höfe. Das Gebiet lag weit außerhalb der ummauerten Reichsstadt Frankfurt, auf einer Heidefläche, die im Mittelalter schlicht als "Oed" bezeichnet wurde. Genau dieses Wort steckt bis heute im Straßennamen Oeder Weg.1
Die Patrizierfamilie von Holzhausen, ab 1245 eine der angesehensten Familien der Freien Reichsstadt, besaß ab 1470 das Gut Holzhausen-Oed. Andere Frankfurter Geschlechter hielten benachbarte Höfe, darunter die Familie Glauburg, deren Besitz im Mittelalter unter dem Namen Bornburg bekannt war. Auch der befestigte Kühhornshof, später Bertramshof genannt, geht auf einen mittelalterlichen Wirtschaftshof zurück und wurde 1715 in seine heutige Form gebracht.2
1478: Die Friedberger Warte und die Frankfurter Landwehr
Schutz boten dem flachen Land vor der Stadt nicht Mauern, sondern die Frankfurter Landwehr, ein System aus Gräben, Hecken und Wachtürmen. Zwischen 1476 und 1477 entstand die Bornheimer Landwehr, 1478 wurde als Teil dieser äußeren Verteidigung die Friedberger Warte auf dem Eulenberg fertiggestellt.3
Die Friedberger Warte ist heute einer der vier erhaltenen Frankfurter Wachtürme und markiert die nördliche Spitze des Stadtteils. Ihre militärische Funktion verlor die Landwehr früh: Zwischen 1785 und 1810 wurde sie abgetragen, weil sie keinen Schutz mehr bot. Der Turm aber blieb stehen und ist bis heute ein Wahrzeichen am Übergang zwischen Nordend und Bornheim.4
1729: Das Holzhausenschlösschen, ein Wasserschloss vor der Stadt
Wie sehr das spätere Nordend einmal Sommerfrische des Frankfurter Patriziats war, zeigt das Holzhausenschlösschen. Johann Hieronymus von Holzhausen ließ es nach Plänen von Louis Remy de la Fosse als Sommersitz seiner Familie errichten. Der Bau begann 1727 und wurde 1729 vollendet.5
Wasserschloss mitten im Viertel
Das schlichte, von einem Weiher umgebene Barockschlösschen ist über eine steinerne Brücke erreichbar. Als die Stadt im 19. Jahrhundert über ihre Wälle wuchs, schloss sie das einstige Landgut einfach ein. Heute liegt das Schlösschen mitten im dicht bebauten Nordend, umgeben vom Holzhausenpark, einer der schönsten Sehenswürdigkeiten im Nordend.
Der letzte Bewohner, Adolph Freiherr von Holzhausen (1866 bis 1923), vermachte 1910 sein Anwesen samt rund drei Hektar Park der Stadt Frankfurt. 1912 wurde das Gelände als öffentlicher Holzhausenpark eröffnet.6
Ab 1806: Die Festungswälle fallen, der Anlagenring entsteht
Den Weg für die Bebauung des Nordends ebnete eine Entscheidung im Süden, an der alten Stadtgrenze. Zwischen 1806 und 1812 wurden die Frankfurter Festungswälle geschleift. Auf dem Gelände entstand der Anlagenring, ein grüner Gürtel aus Parkanlagen rund um die Innenstadt, gestaltet vom Stadtgärtner Sebastian Rinz.7
Die Friedberger Anlage und die Anlagen am Ostbahnhof bilden bis heute die südliche Grenze des Nordends. Mit dem Fall der Wälle war das Land dahinter für die wachsende Stadt erschlossen. Frankfurt konnte sich nach Norden ausdehnen, und genau dort, zwischen alter Kernstadt und dem Dorf Bornheim, entstand bald ein neues Viertel.
Um 1850: Der Name Nordend entsteht
Der Name Nordend entstand um 1850. Damals bezeichnete er ganz wörtlich die nördlichste Ausdehnung der städtischen Bebauung. Im Bauzonenplan Frankfurts wurde die Fläche zwischen der ehemaligen Kernstadt und dem benachbarten Bornheim als Wohnviertel ausgewiesen.8
Das nördlichste Ende der Stadt, ausgewiesen als Wohnquartier.
Damit war das Nordend von Anfang an ein geplantes Wohnviertel, kein gewachsenes Dorf. Diese Herkunft prägt es bis heute: breite, in wilhelminischem Stil angelegte Straßenzüge wie die Eckenheimer Landstraße, der Oeder Weg und die Berger Straße strukturieren das Viertel. Wie sich die einzelnen Lagen heute aufteilen, zeigt unsere Übersicht der Stadtteile und Lagen im Nordend.
1877: Eingemeindung Bornheims und der Bauboom der Gründerzeit
Den entscheidenden Schub brachte die Eingemeindung Bornheims. Nach langen Verhandlungen wurde das "lustige Dorf" zum 1. Januar 1877 nach Frankfurt eingemeindet. Damit beschleunigte sich die Bebauung des Nordends spürbar, denn nun wuchs die Stadt direkt auf das Dorf zu.9
Schon 1872 hatte das Frankfurter Bankhaus Oppenheim und Weil die Bornheimer Heide für 500.000 Gulden erworben. Im Jahr der Eingemeindung begann hier die Bebauung des Gebiets zwischen Sandweg, Friedberger Anlage, Friedberger Landstraße, Günthersburgpark und Alt-Bornheim.10
In der Gründerzeit entstand das Nordend dann in rascher Folge: dicht gestaffelte, meist vierstöckige Häuserzeilen im Stil der Neurenaissance, des Spätklassizismus und der späteren Wilhelminischen Architektur. Roter Sandstein als Sockelverkleidung wurde zum Markenzeichen. Vor allem der südliche Teil zeigt bis heute eine fast durchgängige Gründerzeitbebauung.11
Statistisch West und Ost
Zu statistischen Zwecken wird das Nordend in Nordend-West und Nordend-Ost geteilt, die Grenze bildet die Friedberger Landstraße. Im Alltag wird es aber als ein Stadtteil wahrgenommen. Mehr Zahlen dazu in unserem Überblick Einwohner im Nordend.
1892: Der Günthersburgpark wird öffentlich
Während ringsum Mietshäuser wuchsen, blieb ein großes Stück Grün erhalten, und das hat mit einem Bankier zu tun. Auf dem Gelände der einstigen Bornburg, später im Besitz unter anderem der Familie Glauburg, ließ Carl Mayer von Rothschild zwischen 1837 und 1839 vom Stadtgärtner Sebastian Rinz einen englischen Landschaftsgarten anlegen.12
Mayer Carl von Rothschild vererbte das Gelände der Stadt unter der Bedingung, dass es der Öffentlichkeit als Park zugänglich gemacht und das Palais abgerissen werde. 1891 erwarb die Stadt den Park, am 26. Juni 1892 wurde der Günthersburgpark als öffentlicher Volkspark eröffnet. Er ist bis heute die wichtigste Grünfläche im Nordend und einer der schönsten Parks im Nordend.13
Parallel entstand die kirchliche Infrastruktur des wachsenden Viertels: 1888 wurden die Lutherkirche und die methodistische Zionskirche gegründet, 1900 folgte die Immanuelkirche, 1906 mit St. Bernhard die erste katholische Kirche des Nordends.14
1907: Jüdisches Leben und die Synagoge Friedberger Anlage
Das Nordend und das angrenzende Ostend waren Zentren jüdischen Lebens in Frankfurt. 1907 wurde an der Friedberger Anlage 6 eine große Synagoge fertiggestellt. Mit rund 1.600 Sitzplätzen war sie das größte jüdische Gotteshaus der Stadt, ihre Architektur verband neuromanische und orientalisierende Formen.15
Die Synagoge stand an der südlichen Grenze des Stadtteils und prägte das Quartier über drei Jahrzehnte. Sie war ein sichtbares Zeichen dafür, wie selbstverständlich jüdisches Leben zum Nordend gehörte.16
1938 und 1944: Pogrom, Krieg und Zerstörung
Reichspogromnacht 1938
In der Novemberpogromnacht 1938 wurde die Synagoge an der Friedberger Anlage von nationalsozialistischen Brandstiftern gezielt zerstört und anschließend abgerissen. Mit ihr verschwand eines der wichtigsten Bauwerke jüdischen Lebens im Nordend.17
Vom Pogromort zum Bunker zum Mahnmal
1942/43 wurde auf dem Synagogengrundstück ein fünfgeschossiger Hochbunker errichtet. Seit 1988 erinnert auf dem Vorplatz die Erinnerungsstätte Synagoge Friedberger Anlage an das zerstörte Gotteshaus, der Bunker beherbergt heute Ausstellungen zur jüdischen Geschichte des Viertels.
Luftangriffe 1944
Im Zweiten Weltkrieg wurde Frankfurt schwer bombardiert, die verheerendsten Angriffe trafen die Stadt im März 1944. Auch das dicht bebaute Nordend erlitt erhebliche Schäden, blieb in seiner Grundstruktur aus Gründerzeitblöcken aber besser erhalten als die völlig zerstörte Altstadt am Main.18
Ab 1945: Wiederaufbau und neue Kirchen
Nach dem Krieg wurde im Nordend vor allem in den Baulücken weitergebaut und repariert, statt großflächig abzureißen. So konnte das Viertel seinen gründerzeitlichen Charakter weitgehend bewahren, anders als viele andere Innenstadtquartiere.
Auch das kirchliche Leben kam zurück: 1953 entstand St. Michael, 1960 die Wartburgkirche, 1969 die Gethsemanekirche. Auf der Bertramswiese, wo seit 1929 eine Pädagogische Akademie gestanden hatte, richtete sich nach dem Krieg der Hessische Rundfunk ein, der das Nordend bis heute als Medienstandort prägt.19
In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich das Nordend vom dicht belegten Arbeiter- und Mittelstandsviertel zu einem der begehrtesten Wohngebiete Frankfurts. Was das heute für Mieten und Lebenshaltung bedeutet, zeigen unsere Überblicke zum Mietspiegel im Nordend und zu den Lebenshaltungskosten.
Das Nordend heute: Frankfurts dichtestes Viertel
Heute ist das Nordend ein gefragtes Wohnviertel mit lebendiger Gastronomie entlang der Berger Straße und des Oeder Wegs. Zusammen mit Westend, Bahnhofsviertel und Ostend gehört es zu den gründerzeitlich bebauten, hoch verdichteten Innenstadtquartieren Frankfurts.20
Mit rund 55.600 Einwohnern auf etwa 4,6 Quadratkilometern weist das Nordend die höchste Bevölkerungsdichte aller Frankfurter Stadtteile auf, das entspricht etwa 160 Einwohnern pro Hektar. In der absoluten Einwohnerzahl liegt es nach Sachsenhausen auf Platz zwei.21
Diese Dichte ist kein Zufall, sondern das direkte Erbe der Gründerzeit, als zwischen Kernstadt und Bornheim auf engem Raum Block an Block gesetzt wurde. Frankfurt insgesamt wächst weiter und näherte sich Ende 2024 der Marke von 780.000 Einwohnern, der Druck auf dichte Innenstadtviertel wie das Nordend bleibt damit hoch.22
Was sich nicht ändert, sind die Fixpunkte aus der eigenen Geschichte: die Friedberger Warte im Norden, der Günthersburgpark und das Holzhausenschlösschen als grüne Inseln, der Anlagenring im Süden. Sie erzählen, dass das dichteste Viertel Frankfurts einmal Heide, Höfe und Gärten vor den Toren der Stadt war. Wie sich die Lage des Viertels in Zahlen niederschlägt, fassen wir laufend in der Nordend-Statistik zusammen.